Ich bin Anna und das ist mein Leben

Ich hoffe du bist bereit für eine ziemlich lange und sehr persönliche Geschichte, die Geschichte über mein Leben.

Menschen, die introvertiert sind, sind nach innen gewandt, wenden ihre Aufmerksamkeit und Energie dementsprechend stärker auf ihr Innenleben. Introvertierte werden häufig als still, ruhig und zurückhaltend beschrieben, müssen aber nicht unbedingt schüchtern sein. Wieso ich introvertiert bin und inwiefern das mein Leben beeinflusst, kannst du in diesem Beitrag nachlesen.

Ich habe Panik davor etwas falsches zu sagen. Ich denke lange nach bevor ich eine Antwort gebe und bin schnell überfordert, wenn man auf mich einredet. Meine Gedanken rasen in alle Richtungen und ich habe keine Chance sie zu sortieren und fühle mich unter Druck gesetzt.

Als ich noch klein war

Geboren wurde ich 1992 in Russland, ich bin eine Wolga-Deutsche und reiste zusammen mit meiner Familie als Spätaussiedlerin im Alter von 4 nach Deutschland ein. Meine Eltern trennten sich noch in Russland, weshalb ich keinen Kontakt zu meinem Vater habe. Alle in meiner Familie sind sehr fleißig, scheuen sich nicht vor harter Arbeit, sind pünktlich und zuverlässig.

Meine Mama verdiente das Geld, gleich von Anfang an. Ohne Deutschkenntnisse aber mit Ingenieur-Diplom. Viele Arbeitsstunden, miese Bezahlung. Und da bin ich die kleine Anna, die ihre Mama gern öfter bei sich hätte. Ging nicht, unser neues Leben musste finanziert werden. Ich liebe meine starke Mama mit ihrer starken Persönlichkeit, ich liebe meine Familie, die mir dieses Leben ermöglicht hat. Mir fehlt es an nichts und ich bin unglaublich dankbar dafür.

Ich war kein Kind, das sich auf die Schule gefreut hat oder viele Freunde hatte. Am liebsten wäre ich einfach zuhause bei Mama geblieben, dort kenne ich mich aus, dort fühle ich mich wohl. Trotzdem musste ich in die Schule und mich beweisen.

Der Druck mit den Noten machte mir besonders zu schaffen, und dass sich bereits in der vierten Klasse entscheidet, wie sich mein Leben entwickeln wird.

Hauptschule, Realschule, Gymnasium

Zum Halbjahr der vierten Klasse stand ich in Mathe auf einer Vier. Hieß, ich komme auf die Hauptschule und auch die Lehrer waren sich einig, dass ich es nicht weiter als auf die Hauptschule schaffen würde. Bei einem Elternsprechtag sagte ein Lehrer zu meiner Mama:

„Anna hat Schwierigkeiten die Leistungen zu bringen, die sie für die Realschule oder das Gymnasium bräuchte.“

Oder so ähnlich.

Meine Mama, die ein Diplom besitzt und nicht zulässt, dass ihre Tochter nur die Hauptschule besucht, hat sich das letzte halbe Jahr der vierten Klasse jeden Abend nach der Arbeit hingesetzt und mit mir Textaufgaben geübt. Mit meiner Mama zu lernen, machte mir so viel Spaß, dass ich auch großes Interesse für Mathematik entwickelte. Es machte mir Spaß, weil ich das Prinzip verstanden habe und unsere Arbeit sich ausgezahlt hatte. In allen Prüfungen schrieb ich eine 1 oder eine 2. Somit stand im Jahreszeugnis eine 2 in Mathe und mein Notendurchschnitt von 2,66 verhalf mir problemlos auf die Realschule.

Liebe = Leistung

Viele Momente meiner Kindheit bestätigten mir, dass ich nur geliebt werde, wenn ich eine bestimmte Leistung bringe. Wenn ich eine 1 oder eine 2 geschrieben habe, machte ich Mama glücklich und sie gab mir die Liebe, nach der ich mich so sehnte. Schlechter als eine 3 bedeutete Bestrafung. Die Miene meiner Mama verdunkelte sich, sie schimpfte und sprach für ein paar Tage nicht mehr mit mir.

Ich lernte, dass ich nicht genug bin, so wie ich bin. Dass Mama lieber eine viel klügere Tochter gehabt hätte, die viel fleißiger ist als ich es war. Heute, da ich meine Vergangenheit reflektieren kann, weiß ich, dass meine Mama das Beste für mich wollte, dass sich so viele Türen wie möglich für meine Zukunft öffnen. Dass in Deutschland nur die Leistung zählt, gesehen werden nur die Noten deines Abschlusszeugnisses, dass es egal ist was für ein Mensch du bist, hauptsache dein Titel stimmt. Meine Mama brachte mir bei, wie das System funktioniert und wie man in ihm überlebt.

Für dieses System gab ich mich selber auf. Unterdrückte meine Schwächen & Gefühle, um als starke Frau angesehen und akzeptiert zu werden.

Ich wurde zur Perfektionistin, kalt und manipulativ, ständig auf der Suche nach Liebe.

Wie ich das Vertrauen in die Menschen verlor

Es ist ein warmer Sommertag, ich spiele mit meiner Freundin auf dem Hof des Horts. Da meine Mama berufstätig war, verbrachte ich meine Nachmittage immer im Hort. Ich mochte den Hort, die Kinder, mit denen ich spielen, lernen und lachen konnte. Ich liebte die Erzieherinnen, die für mich da waren und meine Hausaufgaben kontrollierten.

An diesem Sommertag fand eine Art Sommeraktiviätsfest statt, es gab Skateboards, ein Trampolin, Hula-Hoop-Reifen. Einmal am Nachmittag gegen 15.30 Uhr durften wir das Gelände verlassen, um uns beim Bäcker eine Kleinigkeit zu holen. Dafür benötigten wir die Erlaubnis eines Erziehers und jemanden der einen begleitet.

Ich fragte meine Freundin, ob sie mit zum Bäcker kommen möchte, sie sagte zu, wir holten uns die Erlaubnis der Erzieherin und liefen los. Hinter dem Hort befand sich eine Baustelle mit einem Bauwagen-Container. Als wir dort vorbei gingen, kam mir ein Junge mit seinem Freund entgegen, der mit mir die 3. oder 4. Klasse besuchte, das weiß ich leider nicht mehr so genau.

Er packte mich, drückte mich gegen den Bauwagen und hielt mir ein Taschenmesser an den Hals. Die Welt stand still. Ich rührte mich nicht und spürte wie mir die Tränen über die Wangen flossen. Er forderte von mir 2 DM, die er für das Geburtstagsgeschenk für seinen Vater brauchte. So viel hatte ich nicht dabei und versprach ihm das Geld morgen mit in die Schule zu bringen. Er ließ von mir ab und lief davon.

Ich weiß noch, als ich da so stand, völlig verheult und starr wie eine Leiche, dachte ich mir, ob ich das jemandem erzählen sollte. Die 2 DM könnte ich morgen in die Schule mitbringen und keiner würde bemerken, was geschehen war. Ich wollte auf keinen Fall Aufmerksamkeit, ich wollte das Problem einfach selber lösen, aber mein Gesicht und meine verheulten Augen verrieten mich.

Deshalb rannte ich zurück zum Hort und erzählte was passiert war. Man rief die Polizei und ich schilderte der Polizistin verängstigt den Vorfall. Sie fragte mich nach dem Namen des Jungen, immerhin besuchten wir dieselbe Klasse, aber ich konnte mich einfach nicht erinnern. Der Schock saß so tief, dass mir diese Information nicht einfallen wollte.

Körperlich hatte er mir nichts angetan, er drückte mich an den Bauwagen, aber er verletzte mich nicht. Er hat mir das Vertrauen genommen, das Vertrauen in die Menschen. Er hat in meinem Kopf einen Anker gesetzt, dass ich jederzeit verletzt werden könnte.

Und als hätte das nicht ausgereicht, kam am nächsten Tag die Polizei in die Schule und besprach mit uns wie man sich in so einer Situation richtig verhält. Ich wurde vorgeführt, sie sagten, ich hätte mich komplett falsch verhalten, hätte schreien und nach Hilfe rufen sollen und nicht wie angewurzelt dastehen und nichts tun.

Das Gefühl nicht verstanden zu werden und falsch zu sein, brannte sich in mein Unterbewusstsein.

Meine Schlussfolgerung: Introversion ist nicht vorteilhaft in unserer Gesellschaft und sollte zwingend abgeschafft oder verändert werden.

Es wird Zeit, Geld zu verdienen

Obwohl ich das Zeug dazu hätte mein Abitur abzulegen, entschloss ich mich eine Ausbildung zu machen und dem Leistungsdruck der Schule zu entfliehen. Ich wollte mein eigenes Geld verdienen und zeigen, dass ich besser arbeiten kann als Prüfungen schreiben. Mit 16, direkt nach meinem Realschulabschluss, begann ich die Ausbildung zur Mediengestalterin in einer Druckerei.

Sie gefiel mir, ich verstand mich gut mit meinen Arbeitskollegen und die Arbeit war vielseitig und interessant. Dort lernte ich meine Kollegen zu fragen, wenn ich etwas nicht wusste und mich nicht zu schämen für meine Unwissenheit.

Der Druck bei der Arbeit nahm zu. Ich lernte für die Berufsschule, ging der Arbeit im Betrieb nach und arbeitete oft bis zu 15 Stunden am Tag. Die Mittagspause ließ ich ausfallen, um mehr Arbeit unterzubringen. Ich war immer höflich und nett, viel zu schüchtern um mal Nein zu sagen und kam früher als alle anderen und ging später. Ich wollte unbedingt einen guten Eindruck hinterlassen, bügelte meine Fehler so gut es ging selbst aus, auch wenn das mal hieß, dass ich samstags reinkommen musste.

In der Zeit weinte ich oft & fühlte mich überfordert, wollte abbrechen.

Aber ich hatte gelernt nicht aufzugeben, dass alles besser wird, solange ich ausgelernt bin und anfange richtiges Geld zu verdienen.

Dieser Tag kam, und man teilte mir mit, dass es keinen Platz mehr in der Druckvorstufe für mich gibt. Eine neue Auszubildende wurde eingestellt und ich solle die Abteilung wechseln. Ich fühlte mich betrogen und alles was ich mir erarbeitet hatte, fiel wie ein Kartenhaus zusammen. Eine neue Abteilung, in die ich wieder eingelernt werden musste, von einem Mitarbeiter, der mich während meiner Ausbildungszeit nicht respektierte.

Die Wut in mir sagte, dass ich gehen soll. Dass es wieder eine neue Arbeitsstelle für mich gibt. Und das tat ich. Ich verließ meine Kollegen, die mir so ans Herz gewachsen sind und freute mich auf den kompletten Dezember, den ich frei bekam, dank den vielen Überstunden.

Meine erste große Liebe

Kurz nach meiner Realschulzeit lernte ich meinen ersten Freund kennen, meine erste große Liebe. Die Liebe, die eifersüchtig auf mich und meine Ausbildung war, die sich anfangs noch nett und liebevoll mir gegenüber verhielt, die sich dann zu jemanden entwickelt hat, der mich nur beschimpft und beleidigt hat. In seinen Augen war ich eine Schlaftablette, zog mich zu freizügig an, betitelte mich als Schla**e, und meinte mit mir hätte man keinen Spaß.

Wir führten eine On-Off-Beziehung bis nach sieben Monaten entgültig Schluss war, weil er einen Ersatz für mich gefunden hatte. Ich wollte es lange Zeit nicht einsehen, ich wollte mich verbiegen, besser werden, gehorchen, nur damit er mich nicht verlässt.

Ich hätte alles für ihn getan. Und als er weg war, gab ich mir die Schuld dafür.

Das Gefühl verlassen zu werden, ertrug ich kaum und flüchtete mich auf Partys und in Alkohol. Der Alkohol half mir dabei abzuschalten und mich abzulenken. Und er brachte eine ganz neue Seite in mir hervor. Wenn ich betrunken war, war ich locker, gut gelaunt, gesprächig, interessant. Ich war nicht mehr das schüchterne Mauerblümchen und die Schlaftablette. Ich war plötzlich die, die gemocht wurde.

Werde ich wirklich geliebt?

Ein halbes Jahr später Ende 2010 lernte ich meinen zweiten Freund kennen. Er behandelte mich wie eine Prinzessin, er war gut zu mir und tat mir gut. Nur war ich nicht die, die ihm gut tat. Wir stritten uns oft, weil ich eifersüchtig war, da ich ihm nicht glauben konnte, dass er mich wirklich so liebt wie ich bin. Außerdem konnte ich ihm mein zerbrochenes Innere nicht anvertrauen.

Er kannte die Geschichte von meinem Exfreund, aber er wusste nicht was es in mir angerichtet hat. Ich wollte so wenig wie möglich von meinen Gefühlen erzählen, nur damit er mich nicht wirklich kennenlernt und mich möglicherweise damit verletzen kann.

Ich war der festen Überzeugung, er würde mich genauso für eine andere verlassen, wie es mein Exfreund getan hat. Wir zogen in eine gemeinsame Wohnung und verbrachten fast 3 Jahre zusammen. Bei einem Streit beendete ich die Beziehung, und war für zwei Tage ausgezogen, um nachzudenken. Als ich wiederkam um unsere Beziehung zu retten und einzusehen, dass ich falsch lag, beichtete er mir von einem Kuss. Damit zerbrach auch meine zweite Beziehung.

Den unerträglichen Schmerz betäubte ich mit Alkohol, bis zu fünfmal die Woche. Ich aß kaum noch und wog bei einer Körpergröße von 175 cm nur noch 55 Kilo.

Der Tiefpunkt meines bisherigen Lebens

Die nächsten zwei Jahre vergingen wie im Flug, ich ging eine neue Beziehung ein, mit einem Mann, den ich nicht liebte. Mein Panzer, den ich mir anlegte, beschützte mich vor allen Gefühlen, ich verhielt mich kalt und distanziert. Ich lebte nur noch vor mich hin, und hatte den Bezug zu mir selbst komplett verloren.

Die Signale meines Körpers und meines Herzens ignorierte ich. Ich nahm wieder zu, trank weiterhin Alkohol und ging meinem Freund fremd. Ich war zu feige zuzugeben, dass ich mich und mein Leben nicht im Griff hatte, dass ich Menschen mit meinem Verhalten verletzte, dass Menschen mir ihre Zuneigung gaben und ich sie missbrauchte. Ich konnte mich kaum noch im Spiegel ansehen, weil ich mich so schämte.

Die Depression, die mein Leben verdunkelte

Es wurde immer schlimmer, viel schlimmer. Die Leere in meinem Inneren füllte ich mit Weißwein, täglich, bis zu zwei Flaschen Wein am Abend. Ich hatte das Gefühl, dass der Alkohol mein Freund ist, dass er mir gut tut, mich tröstet, und er wusste über mich Bescheid, über meine verletzte Seite. Er wusste Bescheid über meine zwei Gesichter. Das äußere Gesicht – perfekt, sportlich, fröhlich und inszeniert, eine Fassade. Und das innere Gesicht, das sich selber nicht aushält, das sich hässlich, unperfekt und klein fühlt, das den Alkohol braucht, um ein Gleichgewicht der beiden Seiten herzustellen.

Ich schämte mich für mich und für mein Leben. Ich fühlte mich schwach, als hätte ich versagt. Spürt jeder Mensch diese Leere? Lernt nicht jeder Mensch mit dieser Leere umzugehen? Wieso schafft es dann jeder, nur ich nicht?

Ich bin gescheitert. Ich bin darin gescheitert mein Leben zu leben.

Ich wollte nicht mehr sein, ich wollte raus aus diesem Zustand. Der Zustand von dem ich ausging, dass das mein Leben ist. Und ich verstand noch nicht einmal was wirklich mit mir los war.

Zu dem Zustand der Leere kam noch der Druck dazu, den ich mir selber machte. Ich redete mir ein, mehr geben zu müssen, verglich mich mit anderen Menschen. Ich verglich mich vorallem mit meiner Mama, die bereits früh Mutter wurde, die keinen Mann hatte, der ihr beistand, die als alleinerziehende Mama ohne Sprachkenntnisse in ein fremdes Land einreiste, die so viel Stärke in ihrem Leben bewies.

Und was habe ich geschafft? Ich liege hier und weine.

Wie mich meine Oma rettete

So ging es eine Weile. Schwach, müde, antriebslos und der Alkohol, der mich pushte.

Die Wendung kam, als meine Oma meinen Vorratsschrank ausräumte, und die ganzen leeren Weinflaschen fand.

„Oma, ich hab‘ seit Ewigkeiten keine Flaschen mehr weggebracht!“

Versuchte ich mich herauszureden. Aber meine Oma erinnerte mich daran, dass wir vor 4 Wochen gemeinsam meinen Vorratschrank aufgeräumt hatten, deshalb konnte das nicht sein. Ich schämte mich, wie noch nie in meinem Leben. Ich schämte mich, dass meine Oma mich so sehen musste.

Und dann erkannte ich, dass etwas passieren musste. In mir gab es einen Schmerz, den ich nicht verarbeitete und versuchte mit Alkohol zu betäuben. Irgendetwas in mir verletzte andere Menschen, nur um nicht selber verletzt zu werden.

Es musste etwas passieren, sonst hätte man mich mit einer Depression in eine Entzugsklinik eingewiesen. Und das wollte ich unbedingt verhindern, es sollte keiner erfahren, was wirklich mit mir los war.

Meine Oma sprach das erste Mal aus, wovor ich solche Angst hatte. Sie sagte, ich solle zu einem Psychiater gehen. Darauf antwortete ich, dass ich keine Tabletten und Antidepressiva bekommen will, ich will nicht, dass mein Zustand wieder unterdrückt wird, ich will das Problem lösen. Ich will das wieder in Ordnung bringen, was durcheinander geraten ist.

Ich will Klarheit und ich will mein Leben zurück.

Wie wird mein Leben wieder schön?

Einen Psychiater besuchte ich nie, dafür kaufte ich mir Bücher über Persönlichkeitsentwicklung, informierte mich über Minimalismus, über das was im Leben wirklich zählt. Ich setzte die Pille ab und beschäftigte mich mit meiner Ernährung. Ich war bereit an mir und an meinem Leben zu arbeiten. Ohne wirklich zu wissen, was mit mir los war, veränderte ich langsam meine Gewohnheiten, der Fernseher flog raus, ich entrümpelte meinen Kleiderschrank, und löschte alle meine Social-Media-Profile.

Von einem auf den anderen Tag trank ich keinen Alkohol mehr, ich feierte trotzdem, auch ohne Alkohol und ich hatte wieder Spaß am Leben. Das Tanzen belebte meine Seele.

Und plötzlich merkte ich, dass das Leben doch gar nicht so schlecht ist.

Aber die dunklen, schweren Tage kamen wieder. Meine negativen Gedanken machten meine Tage unerträglich. Ich lag wieder nur da, konnte mich nicht bewegen, war zu schwach, um mich zu richten, lag nur da und weinte.

Nach einigen schlechten Tagen ging es mir wieder besser. Ich fühlte mich wohl und spürte eine innere Ausgeglichenheit. In dieser Zeit las ich viele Blogs, ich interessierte mich vorallem für Reiseblogs und auf einem entdeckte ich ein entscheidendes Bild. Ein Bild, das mein Leben komplett verändern wird. Dort sah ich zum ersten mal die beeindruckende Tempelanlage Angkor Wat in Kambodscha.

Ich hatte meine kindliche Neugier wieder, ich recherchierte über Kambodscha, ich las über Menschen, die ihr altes Leben aufgaben um zu reisen. Sie reisten, um sich selber besser kennenzulernen. Und da war mein Traum geboren. Ich will auch reisen, ich will mich auch besser kennenlernen, ich will diesen Tempel hautnah erleben.

„Ich will dort stehen, die warme Luft einatmen & mich lebendig fühlen.“

Mein aufregendes Jahr 2016

Veränderungen bestimmten ab jetzt mein Leben. Obwohl ich früher so viel Angst vor Neuem und dem Unbekannten hatte, freute ich mich umso mehr, wenn sich etwas zum Besseren wendete. Beruflich suchte ich mir eine neue Herausforderung, und bekam eine Stelle in einer Setzerei. Bücher faszinierten mich und da ich bereits in einer Druckerei arbeitete, freute ich mich meine Kenntnisse zu vertiefen. Außerdem konnte ich ganz bequem zu meiner neuen Arbeitsstelle laufen, verkaufte mein Auto und fühlte mich ein Stück freier und unabhängiger.

Ich wollte alles ruhiger und entspannter angehen, auch in der Liebe. Ich suchte nicht, wollte nichts erzwingen und mich nicht binden, bis ich herausgefunden habe, was mit mir nicht stimmt.

Jetzt wollte ich ganz für mich sein.

Es wurde Zeit meinen Traum weiter auszubauen, den Traum vom Reisen. Da passte nunmal niemand rein.

Aber es kommt bekanntlich anders als man denkt. Ich lernte einen Mann kennen, der das gewisse Etwas hatte, der bodenständig war und mich mit seinem Humor verzauberte. In meinem Leben gab es keinen einzigen Mann, der mich so zärtlich berührte, als könnte er mich kaputt machen und der mich ansah, als wäre ich etwas ganz Besonderes für ihn.

Ich verliebte mich in sein Lächeln, in seine Art, wie er mich berührte, wie er mich ansah, wie er mit mir redete, wie er mir zuhörte, wie er mich verstand. Oh wie gut kann ein Mensch eigentlich riechen?

Alles ging von vorne los

In der Zwischenzeit tauchte ich in ein für mich neues Aufgabengebiet ein, lernte mit Kunden umzugehen und eine neue Arbeitsweise kennen. Voller Vorfreude arbeitete ich mich ein, auch wenn ich nicht mit allen Kollegen warm wurde. Es war alles gut, bis ich anfing Fehler zu machen und unsicher wurde. Die Kunden bemerkten meine Unsicherheit und beschwerten sich. Unter Druck zwang ich mich perfekter zu arbeiten und besser aufzupassen, aber je besser ich sein wollte, desto mehr Fehler machte ich.

Es kam eine regelrechte Flut von Aufträgen auf uns zu, wir arbeiteten lange, machten Überstunden und ich wurde mit Blicken meiner Vorgesetzten fast dazu gezwungen genauso lang zu bleiben wie sie, am besten noch länger. Obwohl es Vetrauensarbeit gab und die Überstunden nicht ausbezahlt wurden, hatte ich darauf gehofft, öfter mal früher gehen zu dürfen. Es entwickelte sich ein regelrechter Wettkampf, wer hat die meisten Überstunden zu bieten, wer ist der fleißigste unter uns?

Die Abgabetermine kamen immer näher, die Aufträge häuften sich, die Anspannung wurde größer. Und dann passierte es. Ich arbeitete Stunden an einem Buchtitel, bei dem ich die falsche, veraltete Datei verwendete. Ich war unaufmerksam und das kostete mich wichtige Arbeitsstunden. Der Abgabetermin war morgen. Ich geriet in Panik, erzählte von meinem Fehler und wurde mit Blicken gestraft. Mit Blicken, die aussagen, dass ich nur eine Belastung bin. Deshalb nahm ich den Fehler auf mich und machte mich sofort an die Arbeit. Im Betrieb saß ich bis 19 Uhr und nahm den Rest mit nach Hause. Dreiviertel konnte ich bis spät in die Nacht fertigstellen und alles andere erledigte ich dann am nächsten Morgen gegen 6 Uhr. Der Termin wurde eingehalten und ich brach innerlich zusammen.

Du weißt ja jetzt wie ich mit Druck und Anspannung umgehe – richtig, ich habe wieder angefangen zu trinken. Es ging von vorne los.

Die Leere kam zurück, meine Schwäche und die Unfähigkeit etwas richtig zu machen, erdrückten mich.

Ich brauchte meinen Freund wieder, meinen Freund den Alkohol.

Willkommen zurück, Depression

Ich weinte. Ständig. Auch vor meinem Chef, obwohl das überhaupt nicht meine Art ist und ich mich emotional sehr gut zusammenreißen kann. Du weißt ja noch, kalt und manipulativ, ich war Profi darin. Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle, mein Körper rebellierte, meine Gefühle wollten gehört werden. Mein Chef schlug mir vor, den Druck etwas herauszunehmen und abzuwarten, ich sei erst ganz frisch mit dabei und müsste mir Zeit lassen.

Langsam zerstörte ich auch meine Beziehung zu dem Mann, mit dem ich mir endlich eine gemeinsame Zukunft vorstellen könnte. Ich verheimlichte ihm meinen Gefühlszustand, konnte noch nicht darauf vertrauen, dass er nachvollziehen kann, wie schlecht es mir in Wirklichkeit geht. Unter Alkoholeinfluss verletzte ich ihn, immer wieder.

Ich ignorierte ihn, wollte ihn aus meinem Leben heraushalten. Lief weg. Aber er ließ sich nicht manipulieren und blieb.

Drei Monate. Drei Monate hielt ich es bei meinem neuen Arbeitgeber aus, bis ich meine Kündigung einreichte. Ich wurde mit den wütenden und enttäuschten Worten

„Ich hoffe Sie lernen in Zukunft, was sie wirklich wollen.“

entlassen. Da war ich wieder, am Boden, habe Menschen enttäuscht und stehe nun da ohne Job und ohne Perspektive. Aber eines habe ich mir geschworen: Ich mache nie wieder etwas, was ich nicht will und das mich psychisch und physisch belastet. Ich werde lernen wieder auf mein Herz zu hören.

Das Licht am Ende des Tunnels

Mein Traum mit dem Reisen kam plötzlich wieder auf. Ich schmiedete Pläne, wollte nach Asien, wollte nach Kambodscha, wollte zu Angkor Wat, wollte in die Wärme. Nur weg von hier, weg vom Druck und vom Perfektionismus. Vielleicht wollte ich auch einfach vor mir selber weglaufen.

Im September 2016 ließ ich meinen Freund zurück, schnappte mir mein Handgepäck und flog für 5 Monate nach Südostasien. Er begleitete mich die ersten zwei Wochen nach Indonesien und ich verbrachte mit ihm die schönsten zwei Wochen meines Lebens. Und ab hier veröffentlichte ich alles auf Instagram und auf meinem Blog.

Ich reiste weiter nach Bali, Java, Thailand und mein Freund ging seinem Alltag in Deutschland nach. Die Beziehung verschlechterte sich, die Zeitverschiebung machte uns zu schaffen, ich konzentrierte mich mehr auf mich und meine Reise als auf ihn und unsere Beziehung. Um unsere Beziehung zu retten, buchte er einen Flug nach Thailand. Für eine Woche. Aber bevor er hier war, hatten wir uns bereits getrennt. Ich hatte die Befürchtung an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu leiden und wollte ihn unbedingt mit der Trennung beschützen.

Als er mich hier in Thailand besuchte, fühlte ich mich vollkommen, so als wäre genau das mein Leben.

Als wäre er mein Leben. Als wäre er mein Zuhause.

Und ich habe das erste Mal begriffen, worum es im Leben eigentlich geht. Das Leben an sich ist eine Reise und du wirst nie vor dir selber weglaufen können. Wenn es dir hier in Deutschland schlecht geht, dann geht es dir auch in Thailand schlecht, nur dass das Wetter besser ist und du keine Verpflichtungen hast. Aber du bleibst immer noch du, du mit deinen ganzen Problemen. Du kannst selber entscheiden, wie du dein Leben gestaltest und weglaufen bringt dich nicht weiter.

Womit ich mich zurzeit beschäftige

Als ich das erkannte, buchte ich mir kurz vor Weihnachten einen Flug zurück nach Deutschland. Und das war die beste Entscheidung meines Lebens. Dazu hatte ich auch einen Blogbeitrag geschrieben mit dem Titel „Weltreise nach 86 Tagen abgebrochen“, der Interesse weckte und zu dem ich einen Kommentar bekam, über den ich lange Zeit nachdachte.

„Du wirst es so bereuen abgebrochen zu haben, wenn dich dein Freund erst verlässt.“

Und nein werde ich nicht. Es geht nicht darum, ob mich mein Freund irgendwann verlässt oder nicht, ob wir für immer zusammen bleiben oder nicht. Es geht darum, dass ich durch ihn erkannt habe, welche Verletzungen ich in mir trage. Er hilft mir dabei, zu einem besseren Menschen zu werden, er hält mir ein Spiegel vor und zeigt mir meine Schwächen, meine Stärken, er hat es geschafft, dass ich ihm vertraue. Er akzeptiert, dass ich weine und schwach bin, er kritisiert mich nicht, er nimmt mich nur in den Arm und wartet, bis ich mich beruhigt habe.

Ich werde mit seiner Hilfe menschlicher, verletzlicher und ich lerne an mich zu glauben, meine Vergangenheit mit allen Verletzungen zu akzeptieren.

Meine Vergangenheit hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Meine Mama, die das Beste für mich wollte und mich doch zu immer besseren Leistungen zwang, meine Oma, die nicht wegschaute, sondern erkannte, dass mit mir etwas nicht stimmt, der Mitschüler aus der 3. Klasse, der mich mit dem Taschenmesser bedrohte, mein erster Exfreund, der mich manipuliert hat, meine Ausbildung und die Arbeit, und der Druck und die Anspannung. Ich bin für alles dankbar. Ich bin für jeden Menschen dankbar, der mich zu dem gemacht hat, wer ich heute bin.

Was ich dir mit meiner Geschichte sagen möchte

Auf keinen Fall möchte ich Mitleid, oder die Schuld an meiner Krankheit anderen Menschen zuschreiben. Ich möchte mit meiner Geschichte zeigen, dass eine Depression nichts mit Schwäche zu tun hat. Dass du dich nicht dafür schämen musst, psychisch krank zu sein, ich will dir Hoffnungen machen. Depression bleibt immer noch eine Krankheit, eine Krankheit, die heilbar ist.

Warte nicht darauf von einem Arzt, deiner Familie oder von Freunden geheilt zu werden.

Es liegt an dir. Du bist die Einzige, die die Kraft besitzt gegen deine negativen Gedanken anzukämpfen und sie zu besiegen. Es liegt in deiner Kraft dein Leben zu verbessern, ganz ohne Tabletten und Antidepressiva.

Du hast gesehen, dass ich immer wieder gute und schlechte Phasen erlebt habe. Bestimmt fragst du dich, ob ich die Krankheit besiegt habe, und nein, das habe ich noch nicht. Ich kämpfe weiter mit depressiven Rückschlägen, aber ich arbeite an mir und daran meine depressiven Phasen zu verkürzen. Das ist auch eines meiner Jahresziele 2017. Ich bin optimistisch, ich lasse meine Gefühle und meine Emotionen raus, ich rede darüber wie es mir geht und erlaube mir auch traurig zu sein und zu weinen.

In letzter Zeit komme ich immer öfter in Kontakt mit der Krankheit Depression. Ich höre von jungen Mädchen, die Suizid begehen, die Filmindustrie beschäftigt sich stärker mit dem Thema Mobbing, wie in der Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ und Depression ist in Deutschland schon lange eine Volkskrankheit, die leider unterschätzt wird.

Ich wünsche mir, dass mehr Menschen den Mut finden offen über ihre Gedanken und Gefühle zu reden. Es ist anstrengend eine Fassade aufzubauen und nicht die zu sein, die man wirklich ist. Ich spreche aus Erfahrung. Wir müssen langsam begreifen, dass wir nichts zu verlieren haben. Du denkst dir bestimmt, wieso ich so viele private Details öffentlich ins Internet stelle? Weil ich weiß, dass es junge Mädchen und Frauen gibt, die eine schlimmere Vergangenheit hatten, die vielleicht nie gelernt haben diese Verletzungen zu verarbeiten, die sich jeden Tag die Schuld dafür geben von anderen Menschen missbraucht worden zu sein.

Mein Blog ist nicht dazu da dich fachlich oder medizinisch zu beraten.

Ich will dir nur einen kleinen Einblick in mein Leben mit dieser komplexen Krankheit geben.

Ich bin für dich da, ich höre zu. Meine Vergangenheit ist für dich da. Sie ist dafür da, dir Hoffnungen zu machen.

Ich stelle mich hin, entkleide mich, mache mich verletzbar und will damit anderen Frauen Mut machen. Ich will, dass wir anfangen an die Zukunft unserer Töchter zu denken. Dass wir verstehen was mit uns passiert. Warum wir so sind wie wir sind.

Sei mutig, ich glaube an dich!

P.S.: Falls du mich persönlich kennst und dir denkst, wie das sein kann, weil du mich ganz anders kennengelernt hast. Dann muss ich dir sagen, dass ich wohl eine sehr gute Schauspielerin war.

Deine Anna <3 - rose up your life by anna hunger

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