Warum ich nicht sage, was ich denke & fühle

Ich verlor meine Stimme. Meine eigene innere Stimme, die mir instinktiv sagt, was sich richtig anfühlt und was ich tun und was ich nicht tun möchte. Die Stimme, die weiß, wie ich mich fühle, die weiß, was ich denke. Sie ist nicht mehr da.

Dafür habe ich viele andere Stimmen in mir aufgenommen, die aus meiner Umgebung. Die Stimme meiner Mama, die Stimme meiner Oma und meines Opas, die Stimme meiner Lehrer, die Stimme meines ersten Freundes, die Stimme der Gesellschaft.

Jede Stimme macht mir deutlich was ich zu tun habe: Ich soll ein fleißiges Mädchen sein, gute Noten schreiben, nett sein, meine Haare nicht färben, mich nicht tätowieren oder piercen lassen, ich soll mir eine Arbeit suchen, eine gute Freundin sein, nicht lügen, mich anständig kleiden, leise sein, ich soll eine gute Hausfrau sein, gut im Bett sein, sportlich sein und einen schönen runden knackigen Hintern haben, ich soll mich schminken und mich nicht gehen lassen.

Warum ich nichts gegen die Stimmen unternommen habe

Aber warum habe die Wünsche und Erwartungen der anderen nie in Frage gestellt und mich dagegen gewehrt? Warum habe ich nicht einfach gesagt, dass ich mir gerne die Haare färben würde und dass ich das schön finde. Warum habe ich mich nicht getraut meine Meinung und meine Wünsche offen zu äußern und dann dahinter zu stehen?

Weil ich als junges Mädchen vermittelt bekommen habe, wie sich ein perfektes Mädchen zu verhalten und zu sein hat. Und ich wollte unbedingt ein perfektes Mädchen sein, ich wollte keinen Ärger machen und brav sein und dafür – dass ich alle Erwartungen erfülle – geliebt werden. Denn ich habe gelernt, dass man immer nett und höflich sein soll, dass man auf keinen Fall eine Diskussion oder einen Streit anfängt, und Gefühle wie Trauer, Schmerz und Hass nicht erwünscht sind. Denn durch diese Gefühle verlierst du Menschen. Menschen, die dir Liebe schenken.

Ich habe gelernt zu beobachten und richtig darauf zu reagieren, unabhängig von meinem inneren Wissen und meiner eigenen Realität, die ich mir als Kind angeeignet habe. Ich war bereit mich selbst zum Schweigen zu bringen, als den Verlust von einer Beziehung durch einen Streit zu riskieren. Ich hatte Angst davor, was passieren könnte, wenn ich meine Gefühle aussprechen würde. Ich hatte Angst davor für meine eigene Meinung beschimpft und ignoriert zu werden.

Bevor ich dieses Risiko eingehe, dämpfe ich meine innere Stimme und lege mir eine zweite zu.

Ich weiß nicht und ich habe keine Ahnung

Jetzt besitze ich zwei Stimmen. Die eine ist privat und ehrlich, die andere ist öffentlich und akzeptabel. Damit kann ich etwas anderes sagen als zu denken und schütze mich damit, ich beschütze meine Gefühle und meine Gedanken.

Stellt man mir eine Frage oder möchte etwas von mir wissen, dann antworte ich standardgemäß „ich weiß nicht..keine Ahnung.“ Denn ich sortiere zuerst meine Gedanken, überlege mir dann, ob das was ich wirklich sagen will angemessen ist oder ob ich es lieber für mich behalte.

In meinem Kopf herrscht ein Durcheinander. Ich weiß plötzlich nicht mehr was ich wirklich will. Es fällt mir schwer mich auszudrücken und wenn ich versuche über meine Gefühle zu sprechen, dann ringe ich nach Worten und komme nicht auf den Punkt. Ich stehe innerlich im Konflikt. Entweder das zu sagen was ich wirklich denke und auf Widerstand stoßen sogar abgelehnt zu werden oder doch meine Gedanken zu verheimlichen und eine Antwort geben, die zufriedenstellend ist.

In meiner Vergangenheit entschied ich mich für die zweite Variante. Meine Gedanken und Gefühle zu verheimlichen und mich selbst zu verlieren.

Doch sobald sich die Mädchen aus Beziehungen herausnehmen, stehen sie vor der Schwierigkeit, ihre Gefühle zu artikulieren. Sie finden sich in Beziehungen wieder, die, psychologisch gesehen, keine echten Beziehungen sind, in denen es keine psychologischen oder emotionalen Verbindungen gibt und sie nicht mehr sagen, was sie wissen. Dann beginnen die Mädchen, nicht mehr zu wissen, was sie einmal wussten, ihre Gefühle und Gedanken, die sie früher einmal ausgesprochen, dann jedoch zurückgenommen haben, zu vergessen und zu schützen. Wir hören ihre Verwirrung: Sie sagen immer wieder „Ich weiß nicht“, wenn sie versuchen, dagegen zu kämpfen, dass sie sich von sich selbst, ihren Gedanken und Gefühlen trennen, damit sie sich mit der Welt um sie herum verbinden können.

Hier zitiere ich aus dem Buch „Die verlorene Stimme“ von Lyon Brown/Carol Gilligan.

Die innere Stimme wieder hören

Ich bemerkte die Oberflächlichkeit meiner Beziehungen und ich litt darunter. Ich sehnte mich so sehr ehrlich über meine Gedanken sprechen zu können, verstanden zu werden und nicht ignoriert und kritisiert zu werden. Alle meine früheren (Liebes)-Beziehungen zerbrachen aufgrund meiner Unaufrichtigkeit mir selbst gegenüber. Ich gab niemandem die Chance mich kennenzulernen und verschloss mich lieber, um sicher zu sein.

Aber um echte, authentische Beziehungen zu führen, für das geliebt zu werden was ich wirklich bin, musste ich mutig genug sein mich zu öffnen und mich verletzbar zu zeigen. Ich distanzierte mich von den Stimmen von Außen, ich brach den Kontakt ab oder schaffte räumlich Distanz. Ich musste alleine sein. Allein mit mir und meinen Gedanken und Gefühlen.

Und dann sprudelte alles aus mir raus, die unterdrückten Gefühle, der Schmerz und die Trauer. Und unter der ganzen Last fand ich meine innere Stimme wieder. Ganz leise sprach sie zu mir und wartete nur darauf von mir gehört zu werden. Anna, glaub an dich und hab Vertrauen. Es wird alles gut. Sagte sie zu mir.

Mit jedem Streit und jeder Auseinandersetzung lerne ich dazu, ich bin bereit meine Meinung zu sagen und dafür auch die Konsequenzen zu tragen. Ich lerne langsam mit meiner inneren Stimme zu sprechen und ehrlich zu sein. Das klappt nicht immer. Vor allem, wenn ich wieder depressiv bin und versuche meine Gefühle zu verbergen.

Es ist befreiend ehrlich und aufrichtig zu sein und für das geliebt zu werden was man ist, man muss nur mutig genug sein seine Wahrheit auszusprechen.

 

Deine Anna <3 - rose up your life by anna hunger

 

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