Wie schwer es ist, aus alten Mustern auszubrechen

Mein letzter Blogpost ist genau fünf Monate her. Wow. Dabei hatte ich meine Vergangenheit perfekt aufgearbeitet, war mutig genug alle Schattenseiten meines Lebens ins kleinste Detail zu analysieren und zu veröffentlichen. Endlich konnte ich meinen Problemen und Ängsten gegenüberstehen, sie annehmen, aus ihnen lernen und in eine bessere, schönere, ausgeglichenere Zukunft starten.

Lebe ich in dieser Zukunft? Nö.

Fangen wir trotzdem mit den positiven Änderungen an, die ich im letzten halben Jahr geschafft habe umzusetzen.

Ich trinke nicht mehr so häufig Alkohol. Zwar immer noch sehr intensiv und dann benehme ich mich daneben, aber zumindest konnte ich die Häufigkeit deutlich reduzieren. Zweiter Punkt: Ich habe es geschafft, mich so anzunehmen, wie ich bin. Das Schamgefühl, das mich ständig begleitete, ist deutlich geschrumpft.

Ich lache (und weine) viel mehr als früher, die Beziehung zu meinem Freund konnte ich vertiefen und meine depressiven Phasen sind fühlbar kürzer und schwächer.

Außerdem überwinde ich mich dazu, direkt alles anzusprechen, wenn mir etwas nicht passt und nicht alles totzuschweigen wie früher.

Aber es gibt etwas, das ich nicht geschafft habe. Ein Muster, das ich nicht durchbrochen habe.

Lebe ich so, wie ich es wirklich will?

Wenn ich ehrlich zu mir bin, dann lautet meine Antwort auf diese Frage: Nicht ganz. Denn ich war nicht aufrichtig mir gegenüber, lieber redete ich mir meine Situation schön anstatt die Wahrheit auszusprechen. Auch wenn es mir in vielen Punkten gelungen ist mich und meine Gewohnheiten zu verändern, traute ich mich nicht mir einzugestehen, dass ich nicht zu hundert Prozent glücklich bin und das Leben lebe, das ich mir wünsche.

Mein Herz schreit nach Abenteuern, nach fremden Kulturen, wärmeren Temperaturen, frischen Kokosnüssen, einer außergewöhnlichen Natur und unvergessbaren Erlebnissen.

Dieses Leben malte ich mir vor ein paar Jahren aus: Non-stop unterwegs sein, gleichzeitig Geld verdienen und jeden Tag so intensiv leben wie es möglich ist (und auf keinen Fall meine Zeit „absitzen“). Ich will ein Leben, das ich mir jeden Tag selber gestalten kann.

Ein Leben in Freiheit oder in Beziehung

Mein komplettes Leben richtete ich nach diesem Wunsch aus, zum Beispiel bekam ich die Möglichkeit auf Teilzeit im Home-Office zu arbeiten (diese Arbeit kann ich genauso gut am anderen Ende der Welt erledigen, wenn gutes Internet vorhanden ist). Meinen Konsum schraubte ich zurück und wurde zur Minimalistin, die gefühlt jeden Tag denselben grauen Pulli trägt. Meine Zeit ist mir zu meinem kostbarsten Gut geworden, die ich in meine persönliche Entwicklung investiere, anstatt sie abzusitzen.

Mein Leben dreht sich nun um mich selbst, als um die Erwartungen der Anderen.

Ich riss mich los aus der Konsumgesellschaft und lenkte meine Aufmerksamkeit auf meine Gefühle und Beziehungen. Aus Liebe zog ich zu meinem Freund und unterstützte ihn (ich wusch unsere Wäsche, kochte täglich die feinsten veganen Speisen 😀 und wartete darauf, dass mein Freund abends nach Hause kam, dafür übernahm mein Freund die komplette Miete und einen größeren Teil der Lebensmittelkosten).

Ich wünsche mir mein Traumleben gemeinsam mit meinem Freund zu leben, zusammen die schönsten Orte der Erde zu bereisen und unsere Zeit intensiv füreinander zu nutzen.

Irgendwann in seinem früheren Leben entschied sich mein Freund dafür, diesen Job zu machen, für eine gute Altersvorsorge zu sparen und irgendwann in einer schönen Wohnung zu leben. Seine Entscheidung ist genauso in Ordnung, wie meine ein unkonventionelles Leben zu führen.

Und da kommen wir bereits an den Punkt, an dem ich die Augen verschlossen habe und darauf wartete, dass mein Freund sein Leben in dieselbe Richtung lenkt. Ich konnte ihn weder dazu zwingen, noch irgendetwas tun, damit wir diesem Leben näher kommen. Ich wartete darauf, dass sich etwas ändert und das Gefühl nichts ändern zu können, machte mich traurig.

Bin ich egoistisch?

Ich liebe ihn. Ich liebe ihn über alles. Aber ich liebe mich auch. Bin ich egoistisch, wenn ich mein Leben über meinen Freund, die Liebe meines Lebens, stelle? Sollte nicht jeder das Leben führen, dass er sich aus tiefstem Herzen wünscht? Wie ist es möglich eine erfüllte Beziehung zu führen, wenn die äußeren Voraussetzungen nicht passen?

Die letzten Monate dachte ich viel über unser Leben nach. Wir beide haben eine Vorstellung vom Leben, die nicht zusammenpasst (zumindest vorerst).

Vielleicht müssen wir beide den Mut haben, dem eigenen Herzen zu folgen, auch wenn das bedeutet, dass sich unser Weg an dieser Stelle trennt.

Aus alten Mustern ausbrechen

Ich bin introvertiert und sensibel und spüre was Menschen in meiner Umgebung brauchen. Deshalb bemühe ich mich helfen zu können, aber oft vergesse ich mich selbst dabei. In meinem Leben stellte ich die Bedürfnisse meiner Mitmenschen über meine eigenen, weil ich wusste, dass ich das aushalten kann.

Aber ich muss unbedingt lernen stärker auf mein Bauchgefühl zu hören und „Nein“ zu sagen, wenn ich merke, dass es mir nicht gut tut oder meinen eigenen Bedürfnissen im Weg steht. Wie oft ich diese Lektion noch durcharbeiten muss, weiß ich nicht, aber ich hoffe in Zukunft mutiger zu sein.

P.S: Die gemeinsame Zeit mit meinem Freund war die schönste, die ich bisher erleben durfte. Noch nie lernte ich mich persönlich und meinen Freund so gut kennen, wie in den letzten Monaten. Ich bin ihm unendlich dankbar, dass er alle meine Launen ertragen und sein Herz für mich geöffnet hat.

 

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